Brief eines Taugenichts (Teil 2)
Text: Bea Müller©
Hallo Leute
Also hier bin ich wieder, euer Sky. Ein Jahr älter als das letzte Mal.
Für die welche mich noch nicht kennen: Ich bin zwar ein Tierheimhund, aber
das kann man locker in Traumhund umwandeln. Ich kann nämlich allein zuhause
bleiben ohne dass ich die Wohnung gleich umdekoriere, bin sportlich und
gehorsam, belle selten bis nie, mag Kinder und Autofahren. Sonstige
Untugenden habe ich praktisch keine. Oder mit anderen Worten: ich bin
absolut sozialverträglich.
Meine Sozialverträglichkeit hat allerdings eine Grenz: Herakles! Das ist
so ein Bodenwischermob mit griechischem Namen und Stammbaum. Die Zweibeiner,
meine Dosenöffnerin eingeschlossen, finden ihn sooo süss. Aber unter Hunden
ist es ein vierpfotiger Charakterfehler. Wisst ihr, was diese impertinente
Kreatur gemacht hat? Mich angeknurrt! Jawohl mich, Sky, direkter Nachkomme
des Wolfes. Und das sogar vor allen meinen Kumpels im Hundekurs! Ich
natürlich nicht lange gefackelt und , wie der Terminator persönlich, los auf
den Griechenheld, ihn am Genick gepackt und auf den Boden gedrückt. Nicht
geschüttelt, bin ja kein Hundequäler. Das Kuschelteil hat dabei so lustig
gefiept, dass es richtig Spass machte. Aber dann hat mich dummerweise eine
Hand gepackt und mich angebrüllt, ich soll loslassen. Als gut erzogener Hund
habe ich das Fellbündel dann ziemlich rasch freigegeben. Mannohmann war Bea
sauer. Und dabei hatte der Winzling nix, nicht einmal eine kleine Schramme.
Ich wollte ihn doch nur deutlich machen, wer her der Chef ist. Aber lassen
wir das.
Ein paar Wochen später war ich wieder auf dem Gelände unterwegs. Dachte
an nichts Böses und wer kommt auf einmal um die Ecke gesaust und auf mich
los? Wieder dieser unmögliche Herakles. Der lernt es nie. Ich natürlich
gleich gestartet, Bea ausgetrickst die mich mit einem Hechtsprung daran
hindern wollte, und auf den Griechen los. Alle Zweibeiner erwarteten eine
Katastrophe. Und Herakles hat sich wahrscheinlich im Geiste schon von seinen
Kauknochen verabschiedet, die er nie mehr verbuddeln kann. Und dann??? Ich
habe das kleine Nichts nur kurz angerempelt und bin dann gleich zu Bea
retour gerannt. Ich vergreife mich doch nicht zweimal an dem Wicht. Also ihr
seht, ich bin wirklich sozialverträglich.
So, Job erledigt. Dann kann ich ja nun auch mal über die dunklen Seiten
meiner Besitzerin plaudern. Wir sind jetzt seit über einem Jahr eine
eingespielte Hausgemeinschaft. Aber gewisse Dinge müssen die noch lernen.
Das Frühaufstehen unter der Woche können sich die beiden zum Beispiel
einfach nicht abgewöhnen. Während ich mich noch ganz wohlig in meinem Korb
fühle, flitzen sie wie die Irren durchs Haus, machen das Licht an und lärmen
durch die Bude. Zum Glück lassen sie mich wenigstens an Wochenenden
ausschlafen.
Staubsaugen. Auch so eine Tätigkeit die absolut unnötig ist. Und dabei
würde es doch lustig aussehen, wenn überall Hundehaare rumflatterten. Aber
nein, mit lautem Gedröhne und dazu noch stundenlang werden meine
empfindlichen Hundeohren strapaziert. Zum Glück habe ich einen Garten, in
den ich flüchten kann und ich meine Ruhe habe.
Und dann das Katzenjagdverbot. Wenn der liebe Gott nicht gewollt hätte
dass ein Hund Katzen jagt, dann hätte er ihm doch nicht vier Pfoten
geschenkt. Aber macht das mal zwei ignoranten Zweibeinern klar. Ich will die
Dinger ja nicht fressen. Aber hinter ihnen her rennen ist einfach das
schönste Hobby, das sich ein Hund ausdenken kann. Und schliesslich ist etwas
Bewegung ja auch für Katzen gesund.
Bei Regenwetter wäre es auch nicht unbedingt nötig, nach draussen zu
gehen, aber anscheinend benötigen meine Zweibeiner ihren täglichen Auslauf.
Na bitte, dann geh ich halt mit. Irgendwer muss doch auf sie aufpassen, denn
es ist nicht sicher ob sie ohne mich wieder heimfinden würden.
Ansonsten sind die beiden gar nicht so übel. Brav gehen sie zweimal in
der Woche mit mir in den Hundekurs. Ich weiss nicht ob ich es schon
erwähnte, aber ich habe den Unterordnungskurs bestanden! Peanuts für mich.
Wegen Bea wären wir allerdings beinahe durchgerasselt. Meine Güte, war die
Frau nervös. Dabei hatte sie doch den souveränen Super-Dog an ihrer Seite.
Frei abliegen im Hunderudel, da zuck ich nicht mal mit einem Schnauzhaar.
Eine Beisswurst apportieren, kein Problem, ist die leichteste Übung. Und
Fuss laufen kann ich auch, wenn ich will.
Jedenfalls haben wir es jetzt schwarz auf weiss. Ich bin ein gut
erziehbarer, lernwilliger, begeisterungsfähiger und absolut
sozialverträglicher Hund. Gibt es einen besseren Schlusssatz?
Ciao a tutti, bis zum nächsten Mal
Euer Sky
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